02.04.2014  |  Kategorie: Blogparaden, Unternehmenskultur  |  Autor: Lars Hahn  |  9 Kommentare

Fachkräftemangel: Ein Blog-Duett zwischen dem Entdecker des Systematisch Kaffeetrinken und der Respektspezialistin

Blog-Duett - das sind diesmal sechs Fragen rund um ein Thema, welches zwei fachlichen Spezialisten am Herzen liegt. Sie als Leser profitieren von zwei unterschiedlichen Sichtweisen auf die Dinge, indem Sie beide "Stimmen" lesen. Heute gibt es eine neue Ausgabe mit Lars Hahn, dem Mann fürs "SystematischKaffeeTrinken". Wir wünschen Ihnen viel Spaß beim Lesen und der Bildung einer eigenen Meinung...
Fachkraft wird durch die Mangel gedreht

Auf dieser Seite finden Sie die aufschlussreichen Antworten von Lars Hahn. Wenn Sie neugierig auf meine Antworten sind, dann klicken Sie hier auf Respektspezialistins Antworten und lesen Sie diese auf der Seite im Blog Systematisch Kaffeetrinken.

Hier der Beitrag von Lars Hahn:

1. Gibt es einen Fachkräftemangel?

Regelmäßig wird das Buzzword „Fachkräftemangel“ bemüht, wenn es um die Charakterisierung der aktuellen und zukünftigen Situation des Arbeitsmarktes in Deutschland geht. Begründet wird die Nutzung des Worts regelmäßig mit dem demografischen Wandel, der uns zukünftig immer weniger Arbeitskräfte zur Verfügung haben lässt.

Daraus wird von Unternehmen, Verbänden und Institutionen gerne ein genereller Fachkräftemangel abgeleitet, wie exemplarisch ein Beitrag des deutschen Demografienetzwerkes zeigt.

Andere – wie die Bundesagentur für Arbeit – gehen von Fachkräfteengpässen in bestimmten Branchen aus. So fehlen zum Beispiel generell Pflegekräfte und Ingenieure mit speziellen Fachrichtungen. Und dies auch schwerpunktmäßig in bestimmten Regionen Deutschlands.

Und dann gibt es die Position, dass wir keinen Fachkräftemangel haben, sondern dieser eher ein Mythos ist. Protagonist dieser Richtung ist zurzeit der Autor Martin Gaedt, dessen Buch von vielen besprochen wird. Hier in einer Rezension von Karriereberaterin Svenja Hofert. Gaedt sieht den „Mythos Fachkräftemangel“ als hausgemachtes Problem der Unternehmen, der Politik und der Gesellschaft.

Ich persönlich neige zur gleichen Position, weil wir

  1. Viele Potentiale noch gar nicht erschlossen haben
  2. Viele Unternehmen sehr schnell „Fachkräftemangel“ rufen, sobald sie kein Personal bekommen
  3. Der Fachkräftemangel oft verwechselt wird mit einem drohenden Kollaps unseres Rentensystems

Weil das mein Standpunkt ist, setze ich den „Fachkräftemangel“ im Folgenden in Anführungszeichen.

Beitragsbild mit vier Statements zum Fachkräftemangel

2. Welche Faktoren führen in Deutschland zum „Fachkräftemangel“?

Vorneweg: Es gibt tatsächlich Mangelbranchen, wie oben geschildert. Abseits davon ist der „Fachkräftemangel“ aus meiner Sicht eher ein Phänomen für Fehlinformation – und großes Potential zur Verbesserung von Recruiting-Aktivitäten.

Viele Unternehmen klagen über die nachlassende Zahl von Bewerbern und bei denen, die sich bewerben, über mangelnde Qualität. Aus meiner Sicht gibt es für diesen Zustand drei Faktoren:

1. Unternehmen – gerade kleine, unbekannte – wissen bisweilen nicht, wie Personalgewinnung funktioniert. Sie schalten „schwammige“ Stellenanzeigen, auf die sich nicht jeder Passende bewerben möchte. Und wundern sich, wenn sie dann die „Falschen“ bekommen.

2. Unternehmen – gerade kleine, unbekannte – lassen die systematische Bearbeitung des verdeckten Stellenmarktes außer Acht. Active Sourcing und Employer Branding geht an manchen KMU oft komplett vorbei. Netzwerken zur Personalgewinnung? Pustekuchen. Dabei könnten auch Betriebe noch Fachkräfte generieren, wenn sie dazu Systematisch Kaffeetrinken würden.

3. Bewerber – gerade unklar positionierte – bewerben sich gerne auf alle möglichen Stellenanzeigen, auf die sie nicht immer wirklich passen. Im Zeitalter von eMail ist das ja kein Problem – kost‘ ja nix. Das führt dann wiederum auf Personalerseite zum Eindruck, dass die meisten Bewerber heutzutage kaum noch geeignet sind.

3. Wie profitieren Bewerber davon und welche Veränderungen ergeben sich für sie?

Bewerber sollten es den Unternehmen leicht machen und von sich aus auch andere Wege gehen. Pfiffige Bewerber kontaktieren von sich aus Unternehmen über XING, sie gehen nicht nur auf Jobmessen und Karrieretage. Sie besuchen auch Fachmessen und praktizieren das Systematisch Kaffeetrinken.

Besonders können Jobsuchende dem „Fachkräftemangel“ begegnen, wenn sie sich gezielt positionieren:

  • Was sind meine speziellen Fähigkeiten, für die mich mein nächster Arbeitgeber bezahlen wird?
  • Wo passe ich wirklich genau auf die Stelle oder gar auf den Betrieb, auch wenn er noch gar keine Stelle ausschreibt?
  • Wie kann ich meinen Ansprechpartner erreichen oder mit den zukünftigen Kollegen in Kontakt treten?

Informelle Gespräche – quasi beim Kaffee – sind ideale Wege, es auch den Unternehmen leicht zu machen, Sie zu finden. Denn Fakt ist: Auch im Rahmen von Stellenbesetzung funktioniert – Empfehlung. Menschen vertrauen auf Empfehlungen von Personen, die sie kennen. Das funktioniert viel besser, als das klassische Bewerbungsverfahren.

4. Welche Chancen bietet der „Fachkräftemangel“ für KMU?

Gerade kleinen und mittleren Unternehmen bietet die Veränderung auf dem Arbeitsmarkt große Chancen. Wenn sie investieren in Personalmarketing und aktives Recruiting durch Netzwerken, können sie mit den „Großen“ mithalten.

Sogenannte „Hidden Champions“ sollten sich auch als Arbeitgeber bekannt machen. Zum Beispiel durch Präsenz und Kooperationen mit Hochschulen, durch Teilnahme an Programmen wie „Schule und Wirtschaft“. Viele Betriebe tun das bereits erfolgreich und sind ihren Wettbewerbern um die besten Kräfte voraus.

KMU können das übrigens auch im Verbund mit Partnerunternehmen, Wirtschaftsförderern, IHK und ähnlichen gemeinsam tun, falls die eigenen Ressourcen nicht reichen.

5. Welche Rolle spielen Internet und Social Media für die Entwicklung in Sachen Fachkräftemangel?

Facebook ist für die Personalsuche eher zweitrangig. Entsprechende Aktivitäten werden in der Personalbranche eher nüchtern betrachtet. In Facebook wollen die Menschen keinen Job finden, sondern sich in erster Linie privat austauschen.

Die Businessnetzwerke XING und LinkedIn hingegen werden immer wichtiger. Dort können Arbeitgeber und Jobsuchende direkt zusammenkommen und dauerhaft Kontakte pflegen und erweitern. Das bietet mehr Chancen als Risiken für die Unternehmen. Und gleiches gilt für die Bewerber. Dementsprechend finden immer mehr Einstellungen durch Unternehmen nach Kontaktaufnahmen über Businessnetzwerke statt.

Transparenz und echte Glaubwürdigkeit von Unternehmen sind dabei mehr denn je unerlässlich. Arbeitgeber-Bewertungsportale wie kununu.com ermöglichen Bewerbern nämlich, vorher einen Eindruck vom potentiellen Partner abseits des PR-Sprech zu gewinnen. Deshalb erfordert erfolgreiche Personalgewinnung heute auch wertschätzende Pflege der bereits vorhandenen Mitarbeiter.

6. Welchen Tipp haben Sie für Unternehmer, die dem „Fachkräftemangel“ angemessen begegnen möchten?

Wichtig für zukünftig erfolgreiche Personalgewinnung ist ein Wechsel des Blickwinkels. Nicht mehr die Jobsuchenden sind die Werbenden, sondern die Unternehmen. Bewerbung hieße dann, erfolgreich um neues Personal zu werben.

Das erfordert ein komplett anderes Selbstverständnis von Personalmanagement als bisher: Von Türwache und Sozialplan-Verabschieder wandeln sich Personalexperten auch im kleinen und mittleren Unternehmen zum Personalmarketing-Experten und Feel-Good-Manager. Das gilt sogar für den mittelständischen Geschäftsführer, der die Personalarbeit selber macht.

Dieser Paradigmenwechsel in der Personalarbeit ist für alle notwendig, die auch zukünftig keinen betriebsbedingten Fachkräftemangel erleben möchten, den Henrik Zaborowski hier so herrlich beschrieb.

Für manche mag das eine große ungewohnte Herausforderung sein, die sich aber lohnt. Damit auch morgen noch kein „Fachkräftemangel“ in Sicht ist! 

Porträt Lars Hahn

Über den Autor

Der Autor: Lars Hahn ist der Entdecker von 'Systematisch Kaffeetrinken' und Social Media Enthusiast. Hier bloggt er persönlich. Als Geschäftsführer der LVQ Weiterbildung gGmbH beschäftigt er sich mit Weiterbildung, Recruiting, Arbeitsmarktthemen, Karriereberatung und Social Media.

Lars Hahn ist zu finden bei XING, Google+, Twitter und in vielen anderen sozialen Netzwerken.