22.07.2014  |  Kategorie: Respekt, Unternehmenskultur  |  Autor: Bettina Schöbitz  |  13 Kommentare

Die Lügen vom Fachkräftemangel

Haben Sie auch Angst vor dem drohenden #Fachkräftemangel? Tun Sie sich schwer, passende Bewerber für Ihr Unternehmen zu finden? Oder verstehen auch Sie diese Themen als "Ausrede" dafür, dass so deutlich preisgünstigere Arbeitnehmer eingestellt und die eigenen Gewinne maximiert werden können? Ja, ich frage das bewusst provokant, denn ich sehe keinen Mangel an Fachkräften - sondern nur einen drastischen Mangel an Respekt vor geleisteter Arbeit und Menschen. Und gestern Abend wurde ich darin sehr bestärkt....
Respekt vor Fachkräften

Social media sind nützlich. So fiel mir gestern Abend ein Tweet auf, in dem ein Bericht in der ARD zum Fachkräftemangel angekündigt wurde. Wer mich kennt weiß, dass ich dieses Thema kritisch betrachte (Blogduett mit Lars Hahn von LVQ). Klar also, dass ich den Bericht mit Spannung erwartete. Was dann kam, bestätigte meine „Vor-Urteile“ auf ganzer Linie…

Die Mangel-Lüge

Laut aktueller Auslegung der Arbeitsagentur wird dann von einem Mangel gesprochen, wenn auf 1 offene Stelle „nur“ 3 potentielle Bewerber kommen…

Frage: Ist es also ein echter Mangel, wenn ich in meinem Kühlschrank nur drei Sorten frischer Milch verfügbar habe, wenn ich ein Glas davon trinken möchte?

Die Lüge von den niedrigen Erwartungen

Ein Arbeitgeber, dem eine Personalagentur sechs (6 !!!) passgenaue Bewerber für eine offene Stelle präsentierte meint, er könne vier davon sofort einstellen und einen weitervermitteln. Doch er sei enttäuscht. Weil er NUR aus sechs Bewerbern auswählen konnte. Statt also Kompromisse zu machen und auch Bewerber einzuladen, die vielleicht nicht alle Anforderungen für die zu besetzende Position erfüllen, reichen sechs hochqualifizierte Kandidaten für unsere „satten“ Unternehmen keineswegs mehr aus, um diese zufrieden zu stellen….

Frage: Ist es als ein echter Mangel, wenn ich im Supermarkt „nur“ zwischen sechs Sorten Erdbeerjoghurt wählen kann und keiner davon meiner Anforderung nach 183 ml Inhalt und 47 % Fruchtanteil entspricht?

Die Fakten-Lüge

Hochqualifizierte Absolventen mit Einser-Abschlüssen finden im eigenen Land keinen Job. Obwohl es gerade bei uns doch angeblich so viele unbesetzbare Stellen gibt. Komisch, dass junge Ingenieure mit Bestnoten im Durchschnitt 30 – 40 Bewerbungen schreiben und sechs Monate auf eine Jobzusage warten müssen. Erstaunlich, dass Unternehmen versuchen, wirklich tolle Kandidaten zu Beginn nur als Praktikanten zu beschäftigen, statt ihnen eine Einarbeitungszeit (früher hieß das Trainee-Programm) in einem Vollzeit-Job zu gewähren. Das übrigens – so zeigt der Bericht anhand eine griechischen Arztes – insbesondere bei extrem gut ausgebildeten Menschen aus dem Ausland. Weil die ja angeblich noch so viel dazu lernen müssen, um unseren deutschen Standards zu entsprechen.

Frage: Ist es also ein echter Mangel, wenn ich im Autohaus die Wahl aus 25 Modellen habe – und  mich dann gegen den Neuwagen entscheide, weil der eben noch keine Autobahnerfahrung hat?

Die Stellenprofil-Lüge

Deutsche Unternehmen formulieren Stellenanzeigen absichtlich so, dass sie unbesetzbar sind. Es werden teils abstruse Fähigkeits- und Erfahrungskombinationen gefordert. Damit die Stelle frei bleibt und den Mythos vom Fachkräftemangel befeuert. Das gibt den Unternehmen die Chance, auf bedürftige Zuwanderer aus dem Ausland zurückzugreifen – die den gleichen Job für billigeren Lohn erledigen.

Frage: Ist es also ein Mangel, wenn ich im Bauhaus einen Deltaschleifer (die Schleifscheibe ist bekanntermaßen ein abgerundetes Dreieck…) erwerben möchte, der aber in meinem Fall unbedingt eine runde Schleifscheibe aufweisen soll?

Die Demographie-Lüge

Wir Deutschen werden weniger, die geburtenstarken Jahrgänge gehen in den nächsten Jahren beständig gen Rentenalter. Doch was ist Fakt? Viele davon sind in den letzten Jahren aufgrund wahlverwöhnter Arbeitgeber, die auf einem überquellenden Markt von Kandidaten wählen konnten und die Sahnehäubchen abschöpften, schon lange nicht mehr durchgängig sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Viele Selbstständige konnten aufgrund der allerorten gefeierten Kostensenkungen kaum überleben – geschweige denn in die Rentenkasse einzahlen. In der Folge bedeutet dies, dass die Diskussion um eine Rente ab 70 eher müßig ist. Denn nur wenige werden wirklich „in Rente“ gehen können. Sondern so lange wie irgend möglich arbeiten müssen. Oder wollen. Denn die nächsten Generationen fühlen sich durchschnittlich 15 Jahre jünger und bleiben damit länger arbeitsfähig. Die Berufserfahrung bleibt uns also noch lange erhalten…

Frage: Ist es also ein Mangel, wenn mich im Reisebüro eine dynamische 70jährige Dame berät, die selbst viele Ziele in ihrem Leben kennengelernt hat? Die ihren Mann verloren hat und froh über eine erfüllende Aufgabe ist, die ihre kleine Rente aufbessert? Die meine Wünsche aufmerksam nachfühlen und so passendere Vorschläge unterbreiten kann, als ein 20jähriger Reiseverkehrskaufmann?

Die Gutmenschen-Lüge

Die Politik gibt vor, Menschen aus den wirtschaftlich gebeutelten Ländern wir Spanien, Griechenland & Co. zu helfen, indem es bei uns Arbeitsplätze für sie gibt. Klar, dass wir dabei nur die bestausgebildetsten ins Land holen sollten. Die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind und ordentlich Steuern zahlen. Statt den Menschen, die ins für sie fremde Land kommen und in teils strukturschwachen Regionen die tatsächlichen Vakanzen ausgleichen, erträgliche Lebensbedingungen zu schaffen, vernachlässigen Unternehmen ihre Sorgfaltspflichten und lassen die Menschen „alleine“.

Frage: Ist es also ein Mangel, wenn ich ein Kaninchen kaufe und es alleine in einen Stall setze – und es elendig krepiert, statt den erhofften Nachwuchs zu erzeugen?

Statt dass Firmen engagierte Menschen mit ausländischer Prägung gezielt in das soziale Leben in Deutschland integrieren, pendeln die traurigen Arbeits-Migranten oft depressiv zwischen Wohnung, Arbeit und Einkauf. Denn ein soziales Leben für junge Menschen ist „auf dem Lande“ zumeist Fehlanzeige. Weil die Jungen schnell weg gehen. Und das tun auch die hochqualifizierten, jungen Arbeitsnehmer aus dem quirligen Ausland – Griechen, Spanier & Co kennen von „daheim“ lebendige Innenstädte voller Menschen, Lebenslust und sozialem Austausch. Wer als Arbeitsgeber hier zu kurzsichtig handelt, verliert die motivierten Fachkräfte schneller, als ihm lieb ist. Sie können da viel tun – sprechen Sie doch einfach mal mit mir!

Das Fazit: Wir haben keinen Mangel an Fachkräften. Wir haben einen drastischen Mangel an Respekt und Wertschätzung gegenüber Leistung und Menschen.

Verantwortungsvolle Unternehmer stellen sich der Herausforderung gezielt und zeitnah. Sie sorgen dafür, dass ihr Unternehmen anziehend auf potentielle Kandidaten (und so ganz nebenbei auch auf Kunden…!) wirkt. Indem es für gute Leistung angemessen bezahlt. Indem Menschen mit Wertschätzung für ihr Können und ihr Engagement behandelt und diese fördert. Indem es Menschen wohlüberlegt nach deren Fähigkeiten und Interessen einsetzt und so das Optimum an Motivationspotential schafft – statt ausschließlich die Bedürfnisse des Unternehmens zu betrachten. Indem es Rahmenbedingungen schafft, die das Leben – und damit auch die Arbeit – lebenswert gestalten. Indem es sich als Arbeitgeber als selbstbewusst, engagiert und sozial interessiert präsentiert (Stichwort: Employer Branding).

Nehmen Sie ab sofort Menschen wichtiger. Bewerben Sie sich – um die guten Mitarbeiter. Hier liefert HansGrohe ein nachahmenswertes Beispiel. Vermitteln Sie Menschen ehrliche Anerkennung, Wertschätzung und Menschlichkeit. Geben Sie der Arbeit einen Sinn. Belohnen Sie Leistung und Engagement. Schaffen Sie optimale Voraussetzungen, damit Mensche gerne bei Ihnen arbeiten und in Ihrem Haus auf einem Boden aus gegenseitigem Repekt gedeihen können. So schaffen Sie den Katalysator, damit sich Motivation entwickelt. Und dann…kommt der finanzielle Erfolg von ganz alleine. Denn wertschätzende Unternehmen ziehen ganz automatisch Kunden und Fachkräfte an.

Porträt Bettina Schöbitz

Über die Autorin

Als Respektspezialistin stehe ich für eine gesunde Arbeitswelt, in der Menschen einander auf Augenhöhe begegnen und Ziele gemeinsam angehen.

In Ihrem Unternehmen reduziere ich Konfliktpotentiale, motiviere Mitarbeiter und fördere ein wertschätzendes Betriebsklima. Das zieht engagierte Mitarbeiter und Wunschkunden an. Als Unternehmen sparen Sie Kosten und gewinnen Ansehen.

Als Coach unterstütze ich Menschen auf dem Weg zu ihrem persönlichen Erfolg mittels Nutzung individueller Ressourcen.